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Kindheit und herkunft

Richard Wagner wird am 10. April 1952 in Lowrin (rum. Lovrin) im rumänischen Banat als Angehöriger der deutschen Minderheit der Banater Schwaben geboren und wächst als Einzelkind in Perjamosch (rum. Periam) auf. Sein Vater, Nikolaus Wagner, ist Wassermüller, seine Mutter Margarethe, geb. Dreier, ist gelernte Schneiderin.

Von 1967 bis 1971 besucht er das deutsche Lyzeum von Großsanktnikolaus (rum. Sânnicolau Mare). Im Anschluss daran nimmt er 1971 das Studium der Deutschen Sprache und Literatur (Germanistik) im Hauptfach und der rumänischen Sprache und Literatur (Rumänistik) im Nebenfach an der Universität Temeswar (rum. Timişoara) auf. 1972 tritt Wagner in die Rumänische Kommunistische Partei (RKP) ein.


Das literarische Debüt

Foto: Archiv Richard Wagner, IKGS München
Foto: Archiv Richard Wagner, IKGS München

Nachdem er bereits zur Schulzeit seine Neigung zum literarischen Schreiben entdeckt, gründet Richard Wagner im Jahr 1972 gemeinsam mit seinen Studienfreunden Rolf Bossert, William Totok, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, Johann Lippet, Ernest Wichner, Werner Kremm und Albert Bohn die sog. Aktionsgruppe Banat.

Die jungen Autoren setzen sich zum Ziel, eine moderne, westlich orientierte Literatur zu schaffen, die sich auch mit der traditionell konservativen deutschen Minderheit und ihrer Kultur und Denkweise kritisch auseinandersetzt. Inspiriert ist die Literatur der jungen Autoren durch Schriftsteller wie Bertolt Brecht, Rainer Kirsch, Volker Braun, Ernst Jandl und Johannes Bobrowski sowie die Wiener Gruppe, später durch Rolf Dieter Brinkmann und die Einflüsse der Pop- und Beatgeneration.

Bereits im Jahr 1973 kann Wagner im Alter von 21 Jahren seinen ersten Gedichtband unter dem Titel Klartext vorlegen. Kurz darauf nimmt der rumänische Geheimdienst Securitate erste Tätigkeiten zur Beobachtung der jungen Autoren der Aktionsgruppe auf.

Bald werden die privaten wöchentlichen Treffen, auf denen die Autoren ihre Texte präsentieren und diskutieren, abgehört. 1975 werden Richard Wagner, William Totok, Gerhard Ortinau und der Literaturkritiker Gerhardt Csejka bei einem Familienbesuch im Grenzgebiet unter dem angeblichen Vorwurf, das Land verlassen zu wollen, verhaftet und tagelang verhört. William Totok bleibt acht Monate lang inhaftiert. Dieser Eingriff zerschlägt die Aktionsgruppe.

nach dem studium

Richard Wagner schließt im Jahr 1975 sein Studium mit einer Diplomarbeit unter dem Titel Moderne Tendenzen in der rumäniendeutschen Lyrik der Sechziger Jahre ab. Bereits kurz zuvor geht er 1974 eine erste Ehe ein, um nach dem Studienabschluss eine Anstellung in der Nähe von Temeswar zu erhalten. Das Paar trennt sich bereits sechs Monate später wieder, die Ehe wird erst 1981 offiziell geschieden. Zum September 1975 nimmt Wagner in der Industriestadt Hunedoara (dt. Eisenmarkt) einen Posten als Deutschlehrer im Fach „Deutsch als Fremdsprache“ an und bleibt dort bis Dezember 1979. Im Jahr 1977 publiziert Wagner seinen zweiten Gedichtband die invasion der uhren.

Ab 1979 lebt Wagner wieder in Temeswar, wo er inzwischen für die in Kronstadt (rum. Brașov) erscheinende Zeitung Karpatenrundschau als Berichterstatter für das Banat tätig ist. Kurz zuvor hat Wagner seine Schriftstellerkollegin Herta Müller bei einer Lesung von ihr wiedergetroffen. Bereits zur Schulzeit lernten sich die beiden anlässlich einer Deutsch-Olympiade in Hermannstadt (rum. Sibiu) im Jahr 1970 kennen. Aus dem erneuten Kontakt entwickelt sich im Laufe des Jahres 1979 eine Beziehung. Im Jahr 1984 heiraten Richard Wagner und Herta Müller.

Hinwendung zur Prosa

Parallel zu seiner journalistischen Tätigkeit publiziert Wagner weiter als Schriftsteller. 1980 erscheint seine erste Sammlung mit Kürzestprosa Der Anfang einer Geschichte. Unter dem Titel Hotel California 1 und Hotel California 2 veröffentlicht Wagner in den Jahren 1980 und 1981 zwei weitere Gedichtbände, 1983 folgt die Lyriksammlung Gegenlicht.

Als sein letztes Werk in Rumänien veröffentlicht er im Jahre 1984 mit Das Auge des Feuilletons erneut einen Band mit Kurzprosa. Gerade diese überwiegend als Kürzestgeschichten zu charakterisierenden Texte seiner frühen Schaffensjahre weisen ihn als ideologiekritischen und ästhetisch geschulten Schriftsteller aus, der mithilfe der literarischen Mittel der Verdichtung, Verfremdung und Chiffrierung früh versucht, authentische und engagierte Literatur jenseits von Zensur und Politik zu etablieren. Ein ins Rumänische übersetzter Band mit Gedichten erscheint 1984 unter dem Titel Călăreţ pe unde scurte.

Im Visier des Geheimdienstes

Die Autoren der früheren Aktionsgruppe Banat und weitere junge Schriftsteller finden bereits ab 1980 im Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis wieder zusammen, der unter der Leitung von Nikolaus Berwanger in Temeswar organisiert wird. Berwanger (1935-1989) ist Chefredakteur der Neuen Banater Zeitung und Parteifunktionär. Er schützt die jungen Autoren vor staatlichen Übergriffen, bleibt jedoch 1984 anlässlich einer Deutschlandreise im Westen. Bereits ein Jahr zuvor tritt Wagner im Streit über die Aufnahme des Schriftstellers Franz Johannes Bulhard, die er ablehnt, aus dem Kreis aus. Die jungen Schriftsteller, die ohne Berwanger nicht mehr so agieren können wie zuvor, stellen zeitgleich Ausreiseanträge. Viele von ihnen verlieren spätestens dadurch ihre Arbeitsplätze. Wagner muss bereits kurz zuvor im Jahr 1984 seine Anstellung bei der Karpatenrundschau aufgeben: Nach der schriftlichen Weigerung, eine ideologisch für ihn nicht vertretbare Jubelreportage zum Nationalfeiertag zu verfassen, wird ihm die Kündigung nahegelegt. Er findet auch in der Folgezeit bis zu seiner Ausreise keine Anstellung mehr.

Ausreise nach Berlin 1987

Foto: © Peter Peitsch / peitschphoto.com
Foto: © Peter Peitsch / peitschphoto.com

Richard Wagners Ausreiseantrag wird 1986 stattgegeben. Ende Februar 1987 reist er gemeinsam mit Herta Müller und deren Mutter aus. Nach einer Übergangszeit im Durchgangslager in Nürnberg lassen die beiden sich in Berlin nieder und bewohnen dort gemeinsam eine Wohnung in der Kufsteiner Straße im Bezirk Schöneberg. Zahlreiche seiner Prosatexte und Gedichte zeugen von dem vertraut gewordenen Kiez, der seit Wagners Ankunft in Berlin bis heute sein Wohnviertel geblieben ist.

Unmittelbar vor seiner Ankunft in Deutschland veröffentlicht Wagner seinen Gedichtband Rostregen beim Luchterhand Verlag (1986).

Nach der Emigration organisiert er gemeinsam mit den ebenfalls emigrierten Schriftstellerfreunden öffentliche Aktionen und leistet Aufklärungsarbeit über die politischen Verhältnisse und Zustände unter Ceauşescu in Rumänien. Wagner erhält daraufhin ebenso wie seine Mitstreiter Herta Müller, Helmuth Frauendorfer und William Totok schriftliche Morddrohungen sowie wiederholt bedrohliche, anonyme Anrufe. Mit seinem Gedicht Curriculum gewinnt Wagner im Jahr 1987 den Sonderpreis des Leonce-und-Lena-Preises für das beste politische Gedicht. Marcel Reich-Ranicki lobt es in einem Brief an Wagner als „hervorragend“ und veröffentlicht es in der Rubrik „Frankfurter Anthologie“ im Feuilleton der FAZ. 1988 erhält Wagner den Förderpreis des Andreas-Gryphius-Preises. 1989 folgt der Deutsche Sprachpreis, den er gemeinsam mit anderen rumäniendeutschen Schriftstellern erhält.

Ein neuer Lebensabschnitt

Im Jahr 1989 trennen sich Herta Müller und Richard Wagner, die Ehe wird jedoch erst mehr als zehn Jahre später offiziell geschieden. Im Jahr 1990/91 hält Wagner sich als Stipendiat der Villa Massimo in Rom auf. Unter diesem Eindruck entstehen zahlreiche Gedichte und Prosatexte, die überwiegend in dem Gedichtband Heiße Maroni (1993) und dem Prosaband Giancarlos Koffer (1993) versammelt sind. 1993 hält Richard Wagner gemeinsam mit Klaus Hensel, Franz Hodjak und Werner Söllner zu dem Thema „Das Fremde im Eigenen, das Eigene im Fremden: Erfahrungen mit der Muttersprache im doppelten Exil“ Frankfurter Poetikvorlesungen. Wagner trägt einen Text mit dem Titel Die Bedeutung der Ränder oder vom Inneren zum Äußersten und wieder zurück vor. 

In den Jahren 1995, 1996 und 1998 schreibt er drei Romane, die er selbst als „Berlin-Romane“ bezeichnet: In der Hand der Frauen, Lisas geheimes Buch und Im Grunde sind wir alle Sieger. In ihnen kommt das spezifische Lebensgefühl des flanierenden Mannes mittleren Alters in der Großstadt Berlin der 1990er Jahre zum Ausdruck. Alle drei Bücher wirken symbolhaft für die Ankunft in der neuen Lebensrealität, die sich mit der Etablierung des Romangenres im Werk Wagners nun auch in einer neuen, raumgreifenderen Form manifestiert und das Prinzip der Verdichtung mehr und mehr aufgibt.

Die Produktive Schaffensphase

Im Jahr 2000 erscheint der Gedichtband Mit Madonna in der Stadt. Seit 2001 veröffentlicht Wagner, der zuvor bereits jeweils über mehrere Jahre hinweg bei Luchterhand, Rotbuch, der DVA und Klett-Cotta publiziert, beim Aufbau Verlag in Berlin. 2001 erscheint Wagners Roman Miss Bukarest, in dem er unter anderem die gesellschaftliche Durchdringung der Securitate und die Ambivalenzen in der moralischen Haltung Einzelner diskutiert.

2003 publiziert er seinen langen Essay Der leere Himmel. Eine Reise ins Innere des Balkan. Im Jahr darauf folgt Wagners erfolgreichster Roman Habseligkeiten. In diesem reflektiert er exemplarisch seine eigene Familiengeschichte und dabei die Denk- und Lebensweise der Minderheit der Banater Schwaben. In den Roman eingebunden ist die Deportationsgeschichte seines eigenen Vaters ins sowjetische Arbeitslager. Die zweite Erzählebene des Romans handelt hingegen vom aktuellen Leben des Protagonisten in Deutschland und spannt die Handlung in ihrer historischen Verstrickung von der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein. 

Es folgen die Essays Der deutsche Horizont. Vom Schicksal eines guten Landes (2006) und Es reicht. Gegen den Ausverkauf unserer Werte (2008). In beiden kritisiert und kommentiert Wagner im weitesten Sinne Wertverluste in der deutschen Gesellschaft. Dieses Thema verfolgt er bis 2011 in Form seines sehr erfolgreichen und in breiten Kreisen rezipierten Buches Die deutsche Seele (zus. mit Thea Dorn).

Die zu dieser Zeit publizierten Romane Das reiche Mädchen (2007) und Belüge mich (2011) problematisieren interkulturelle Beziehungen, Mechanismen der Meinungsbildung sowie Identität und Fremdzuweisungen. Parallel dazu veröffentlicht Wagner seine Gedichtbände Federball (2007) und Linienflug (2010). Im Jahr 2014 folgt sein Buch Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt, das die Entwicklungen, Prinzipien und Nachwirkungen der Donaumonarchie skizziert und ein editorisches wie literarisches Kleinod darstellt.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Seit der Öffnung der Securitate-Archive in Bukarest – Wagner kann im Jahr 2008 Einsicht in seine Akte nehmen – bemüht sich Wagner gemeinsam mit anderen früheren Kollegen um die Rekonstruktion der Verstrickungen seiner Landsleute, häufig auch früherer Freunde und Kollegen, in den Geheimdienst. Im Jahre 2010 entstehen die Hörproduktion Man hat die Freiheit, die man sich nimmt im Deutschlandfunk sowie der Dokumentarfilm An den Rand geschrieben. Beide vollziehen mit Hilfe der Zeitzeugen und Schriftsteller Herta Müller, Richard Wagner, Helmuth Frauendorfer, William Totok, Johann Lippet, Gerhard Ortinau und Horst Samson die Chronologie der Verfolgung der Schriftsteller durch die Securitate eindringlich nach.

Krankheit

Sein bislang letztes, vielbeachtetes Buch Herr Parkinson, das Anfang 2015 erscheint, nimmt in erzählender Prosa die Auseinandersetzung mit der jahrelangen Parkinsonerkrankung auf, die bei ihm im Jahre 2003 diagnostiziert wird. Das Buch ist jedoch in erster Linie kein Krankheitsbericht, sondern der poetische, innere Monolog eines durch die Einwirkungen von Krankheit und Medikamenten physisch und psychisch derangierten Erzählers, dessen Erkrankung sein gesamtes Leben umwirft, beansprucht und herausfordert.

Während die ersten Jahre mit der Krankheit Wagners alltägliches Leben und seine Tätigkeit als Schriftsteller noch nicht allzu stark einschränken, zwingt ihn der nach einigen Jahren zunehmend schwere Verlauf immer mehr dazu, sein Leben in der bisher gewohnten Form aufzugeben und auch das Schreiben weitgehend einzustellen. 2012 erkrankt Wagner schwer an Krebs. Er überlebt die Krankheit mit einer Chemotherapie.

Seine Krankheit hat Richard Wagners Leben, wie er selbst sagt, grundlegend verändert. Damit meint er in erster Linie, aber nicht nur, seinen Alltag, seine Freundschaften und seine Tätigkeiten. An manchen Tagen geht Wagner selbst einkaufen, führt lange Gespräche oder Telefonate mit Freunden, schreibt ein Gedicht oder sogar einen Essay – an anderen Tagen, so Wagner, „geht einfach gar nichts“. 


Dieser Text wurde mit leichten Kürzungen und Änderungen entnommen aus: Richard Wagner/Christina Rossi: Poetologik. Der Schriftsteller Richard Wagner im Gespräch. Wieser Verlag Klagenfurt, 2017.  Alle Rechte vorbehalten.